Bericht zum Fachgespräch Lebensmittelhandwerk am 30.09.22

Am vergangenen Freitag fand das gemeinsame Fachgespräch von Gisela Sengl und mir zum Thema „Bayern i(s)st vielfältig: Bayerisches Lebensmittelhandwerk fit für die Zukunft!“ im Bayerischen Landtag statt. Als Referent*innen nahmen Dr. Josef Rampl, Geschäftsführer des Bayerischen Müllerverbunds e.V., Nicole Stocker, Geschäftsführerin der Hofpfisterei, Reinhard Gromotka, Geschäftsführer der Tagwerk Bio-Metzgerei, Konrad Ammon, Landesinnungsmeister des Verbands für das Bayerische Fleischerhandwerk sowie Theo Albrecht, Schulleiter der Münchner Berufsschule für Metzger-, Bäcker- und Konditorenhandwerk, teil. Gemeinsam mit Gästen aus allen Teilen der bayerischen Lebensmittelbranche haben wir über die aktuellen Probleme und mögliche Lösungswege diskutiert.

Grundsätzlich ist klar: Die bayerische Lebensmittelwirtschaft ist geprägt von kleinen mittelständischen Betrieben, die oft seit Jahrzehnten innerhalb der Familie weitergegeben werden. Das Handwerk ist dabei das Rückgrat der bayerischer Lebensmittelwirtschaft. Ohne das Handwerk ist auch die regionale Verarbeitung von Lebensmitteln nicht möglich. Aber auch, wenn Bayern deutschlandweit die meisten Handwerksbetriebe hat, gehen die Zahlen stark zurück. In fast allen Bereichen ist die Anzahl der Betriebe und der Beschäftigten in den letzten zehn Jahren um 20-25% zurückgegangen. Eine Ausnahme hierbei stellen nur die Konditoreien dar. Die Coronakrise sowie der Krieg in der Ukraine und dessen Folgen haben die schwierige Situation noch verschlimmert. In der Diskussion haben wir neben vielen anderen zwei Hauptursachen identifiziert, die wir angehen müssen, um das Lebensmittelhandwerk zu erhalten und zu unterstützen.

Energie- und Rohstoffpreise

Das größte und akute Problem ist die enorme Preissteigerung, vor allem bei Gas und Strom. Bei vielen Betrieben laufen die Verträge zum Ende des Jahres aus, ihnen drohen teilweise bis zu 500% mehr Energiekosten – eine Höhe, die viele Betriebe in Existenznöte bringt. Das Problem hierbei ist: Schließt ein kleiner mittelständischer Betrieb einmal, wird er nicht mehr öffnen. Um die Kostenexplosion bei Energie abzudämpfen hat die Bundesregierung Preisbremsen für Gas und Strom angekündigt. Außerdem sind seit kurzem auch KMUs und Handwerksbetriebe antragsberechtigt für das Energiekostendämpfungsprogramm (EKDP). Kritisch ist aber: Die Lösung muss noch in diesem Monat ausgearbeitet sein, damit die Betriebe das Jahresende überstehen können. Das bedeutet auch, dass die Anträge für die Förderung so niederschwellig und verständlich sein müssen, dass auch jeder Handwerksbetrieb in der Lage ist, diesen in kürzester Zeit auszufüllen. Um dies jetzt schnell umzusetzen, sind wir in engem Austausch mit der Bundesebene und setzen uns für die Belange des Handwerks ein.

Neben den Energiekosten sind jedoch auch die Ausgaben für Rohstoffe stark angestiegen. Nicht nur Lebensmittel, die für die Verarbeitung genutzt werden, auch Verpackungsmaterialien und andere für den Betrieb notwendige Güter haben sich verteuert. Gleichzeitig können die meisten Handwerksbetriebe ihre gestiegenen Kosten nicht eins zu eins an die Verbraucher*innen weitergeben, da diese sonst zu billigeren Alternativen abwandern. Die Inflation führt in der Bevölkerung zu einem mindestens empfunden und teils auch realen Kaufkraftverlust. Die Krise führt zu einer Verschiebung der Prioritäten: Anstelle von Regionalität und biologischer Erzeugung, gewinnt der billigere Preis an Bedeutung. Aus diesem Grund sind auch viele, die es sich eigentlich leisten könnten, nicht mehr bereit, höhere Preise zu zahlen. Gerade im Bio-Bereich müssen die Betriebe massive Umsatzrückgänge hinnehmen, aber auch die Handwerksbetriebe leiden unter dem krisenbedingten Konkurrenzdruck der Discounter. Dieser Umstand ist sehr typisch für Deutschland, da im Vergleich zu anderen europäischen Ländern die Menschen hier viel weniger Geld für Lebensmittel ausgeben. Die Wertschätzung für handwerklich hochqualitative, regionale und biologische Lebensmittel zeigt sich leider nur begrenzt in der Bereitschaft, dafür auch etwas mehr Geld auszugeben. Umso wichtiger ist es, die Inflation schnell in den Griff zu bekommen.

Nachwuchsprobleme und Fachkräftemangel

Das zweite große Problem, das schon seit vielen Jahren besteht, ist der Mangel an Nachwuchskräften im Handwerk. Im aktuellen Ausbildungsjahr konnte jede zweite Ausbildungsstelle im Lebensmittelbereich nicht besetzt werden. Eine der Hauptursachen liegt im Bildungssystem und der zunehmenden Akademisierung. Durch die frühzeitige Sortierung der Schüler*innen in Gymnasium, Realschule und Mittelschule, wird vielen auch eine vorzeitige Richtung ihrer beruflichen Karriere auf den Weg gegeben. Von den meisten Schüler*innen auf Gymnasien wird erwartet, dass sie danach studieren, die Ausbildung gilt eher als verpönt. Inzwischen geht die Mehrheit aller Schüler*innen aufs Gymnasium, sodass viel Potential für das Handwerk „verloren geht“. Viele wissen dabei gar nicht, dass der Gesellenbrief dem Abitur gegenüber gleichwertig ist und in den meisten Fällen ebenfalls den Zugang zum Studium ermöglicht. Zugleich ist die Spanne an Qualifikationen innerhalb der Berufsschule sehr groß, sodass sich manche langweilen, während andere überfordert sind. Hier wäre eine individuelle Flexibilisierung der Berufsschulen eine Möglichkeit, um mehr auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen zu können. Insgesamt wird immer deutlicher, dass die ungleiche Gewichtung von Theorie und Praxis sowohl bei den jungen Leuten, als auch bei den Lehrer*innen zu falschen Vorstellungen und Vorurteilen führt. Eine Möglichkeit, hier entgegenzuwirken wären zusätzliche verpflichtende Praktika in der Schulzeit, auch für das Lehrpersonal. Dadurch hätten die Schüler*innen mehr Möglichkeiten, Betriebe kennen zu lernen und sich auch für das Handwerk zu begeistern.

Die Ausbildungsstätten leisten heute auch viel Integrationsarbeit. Viele Personen mit Migrationshintergrund haben ein deutlich höheres Interesse an den Handwerksberufen. Der Anteil an Eingewanderten an den Berufsschulen nimmt daher beständig zu. Gleichzeitig gibt es immer wieder Fälle, bei denen Personen mit Ausbildungsvertrag widerrechtlich abgeschoben werden oder keine Arbeitserlaubnis ausgestellt wird. Bei dem hohen Bedarf an Auszubildenden beschädigt ein solches Vorgehen auch unsere Wirtschaftsbetriebe. Wir müssen endlich allen Geflüchteten so schnell wie möglich Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt gewähren und zusätzliche Anwerbeprogramme für unser Handwerk starten. Dies hilft nicht nur den Unternehmen, sondern ist auch der effektivste Weg zu einer schnellen Integration und einer sicheren Perspektive für die Geflüchteten.

Viele Betriebe stellen zudem fest, dass das Allgemeinwissen zu Lebensmitteln in der Bevölkerung und besonders bei den Jüngeren enorm abnimmt. Manche forderten daher eine Einführung des Unterrichts zu gesunder Ernährung und Hauswirtschaft in der Grundschule, wie es in anderen Ländern auch üblich ist. Darüber hinaus müssen auch in der Ausbildung Auslandsaufenthalte anerkannt und gefördert werden, denn davon profieren sowohl die Azubis als auch die Unternehmen, da erstere dann auch externe Erfahrungen miteinfließen lassen können. Außerdem müssen die Meisterprüfungen endlich kostenlos werden und die Aus- und Weiterbildungsstätten besser finanziert werden. Es kann nicht sein, dass der Freistaat Bayern im Vergleich zu einem Ausbildungsplatz ein Vielfaches für einen Studiumsplatz ausgibt. Insgesamt muss das Wissen, woher unsere Nahrungsmittel kommen und wie sie hergestellt werden, durch die gesamte Gesellschaft besser vermittelt werden, denn so gerät auch das Handwerk wieder stärker in den Fokus und gewinnt an Attraktivität.

Fazit

Die Preissteigerungen und der Fachkräftemangel sind natürlich nicht die einzigen Probleme, vor denen das Handwerk steht, auch andere Punkte wie überbordende Bürokratie und unklare Kennzeichnungsregeln bereiten den Betrieben Probleme. Grundsätzlich lässt sich aber feststellen, dass alle ein großes Interesse daran haben, das Handwerk und damit die regionale Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung in Bayern zu erhalten, da sie nicht nur eine wichtige Wirtschaftsbranche ist, sondern auch die Kultur und das Straßenbild in Bayern über Jahrhunderte mitgeprägt hat. Gisela Sengl und ich werden uns auf allen Ebenen dafür einsetzen, hier konkrete Verbesserungen zu erzielen, um unsere mittelständischen Betriebe in Bayern durch diese Krise zu bringen und langfristig zu stützen. Infolge des Fachgesprächs erarbeiten wir daher auch einen Aktionsplan für die bayerische Lebensmittelwirtschaft, den wir in Kürze vorstellen werden.

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