Besuch bei Bayernoil in Neustadt/Vohburg

Anfang September war ich gemeinsam mit unserer lokalen Grünen Kreistagsfraktion in Neustadt an der Donau, um die Firmen INTERTEC-Hess und Bayernoil zu besuchen (Zum Bericht zu INTERTEC-Hess geht es hier). Bayernoil ist ein Zusammenschluss der ehemals drei Raffinerieanlagen in Ingolstadt, Vohburg und Neustadt. In den Raffinerien werden sämtliche petrochemische Stoffe hergestellt, von Treibstoff über Wasserstoff bis hin zu speziellen Stoffen für die chemische Industrie. Das Erdöl beziehen die beiden Raffinerien vor allem aus dem italienischen Triest, auch über die Transalpine Ölleitung (TAL). Insgesamt arbeiten heute rund 760 Menschen in den Raffinerien. Mit Herrn Michael Raue, der für den Bereich Business Opportunity zuständig ist, konnten wir über die Defossilisierungspläne der Raffineriestandorte und den Umbau zu einem klimaneutralen Unternehmen sprechen.

Die Entstehung der Bayernoil Raffineriegesellschaft

Die Raffinerien in Neustadt, Vohburg und Ingolstadt nahmen in den 60er-Jahren ihren Betrieb auf und arbeiteten bereits seit etwa 1985 zusammen, indem sie Pipelineverbindungen bauten und sich arbeitsteilend auf bestimmte Stoffe spezialisierten. Zwischen 1989 und 1998 schlossen sich die drei dann zur Bayernoil Raffineriegesellschaft mbH zusammen. 2009 stellte die Raffinerie in Ingolstadt schließlich ihren Betrieb ein. Heute deckt Bayernoil etwa zwei Drittel des bayerischen Bedarfs als Mineralölprodukten. Die Anteilseigner haben sich seit dem Zusammenschluss stark gewandelt, heute ist der schweizer Konzern Varo Energy Mehrheitseigner, aber auch Eni Deutschland und Rosneft Deutschland sind beteiligt. Die Bundesregierung hat vor wenigen Wochen beschlossen, letztere unter die Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur zu stellen. Rosneft Deutschland hat angekündigt, gegen die Maßnahme klagen zu wollen. Wir bleiben dazu weiter im Austausch, falls das sich auf Bayernoil auswirken sollte.

Von grauem Wasserstoff zu Grünem Wasserstoff

Bayernoil und Varo Energy haben sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt und wollen bis 2035 klimaneutral produzieren. Anstelle konventioneller petrochemischer Stoffe möchte das Unternehmen in den nächsten 10 Jahren auf die Produktion von Grünem Wasserstoff, klimaneutralen Treibstoffen (sog. E-Fuels), Bio-Kraftstoffen und aufbereiteten Kunststoffen aus Abfallprodukten umrüsten. Insgesamt beteiligt sich das Unternehmen an vier großen Leuchtturmprojekten, um dieses Ziel zu erreichen. BayH2 ist eine Kooperation von 4 Unternehmen, die gemeinsam den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Bayern voranbringen wollen, um mit dem so erzeugten Strom grünen Wasserstoff zu produzieren. Denn Bayernoil produziert nicht nur Wasserstoff, sondern benötigt diesen auch für die Produktion anderer Stoffe. Allein durch den Ersatz des konventionell erzeugten Wasserstoffs (grauer Wasserstoff) durch grünen (klimaneutral erzeugten) Wasserstoff aus BayH2, könnte Bayernoil seine Emissionen um 138.000 Tonnen CO2-Äquivalenzen pro Jahr senken. Bereits im kommenden Jahr will das Unternehmen neue Elektrolyseanlagen bauen, die 2024 in Betrieb gehen sollen. Das Projekt wurde auch für das europäische Förderprogramm IPCEI (Important Projects of Common European Interest) nominiert. Dadurch könnten Investitionen von 5,8 Mrd. Euro gesichert werden, die Bundesländer beteiligen sich auch mit 2 Mrd. Euro. Allerdings deckt dieses Projekt nur ein Drittel des Wasserstoffbedarfs von Bayernoil. Dadurch kann man sehen, dass die Einrichtung einer leistungsfähigen bayernweiten Wasserstoffinfrastruktur ein gewaltiger Kraftakt ist. Deshalb braucht Bayern zügig eine ehrgeizige Strategie zum Aufbau der Strukturen und der dafür notwendigen Erneuerbaren Energien.

Defossilisierung durch Kreislaufwirtschaft

Neben BayH2 gibt es auch noch ein weiteres Projekt zur Erzeugung von grünem Wasserstoff. Bei Bayogen wird anstelle von Strom Grünes Gas zur Wasserstoffgewinnung verwendet. Dieses Gas soll aus biogenen Reststoffe, insbesondere der Holz-, Papier- und Landwirtschaft, gewonnen werden. Dies ist ein wichtiger Baustein zur Umsetzung einer tatsächlichen Kreislaufwirtschaft, die aus Abfallprodukten und industriellen Reststoffen wieder nutzbare Rohstoffe gewinnt. Den gleichen Ansatz verfolgen auch die beiden Projekte Bayosine und BayC3. Bei Bayosine sollen aus  kommunalem Klärschlamm durch Pyrolyse Stoffe herausgeholt werden, die anschließend entweder zu Biokraftstoffen oder zu grünem Brenngas verarbeitet werden. Bei dem Prozess entstehen auch Gase, die wiederum zur Wasserstoffproduktion verwendet werden können. Mit dem gleichen Pyrolyse-Verfahren sollen im Rahmen von BayC3 aus Kunststoffabfällen petrochemische Stoffe für die Chemieindustrie hergestellt werden, quasi ein Recycling-Prozess, um kein neues Erdöl mehr zu brauchen. Bayernoil will all diese Projekte in den nächsten Jahren angehen, um umweltschonender und klimaneutral zu produzieren. Diese Ambitionen unterstützen wir, denn es ist wichtig und notwendig, dass wir die neuen Energieträger nicht nur importieren, sondern auch vor Ort in Bayern produzieren und auch für das Transportwesen und die chemische Industrie eine regionale Versorgung mit klimaneutral erzeugten Stoffen erhalten.

Der Weg für die nächsten Jahre

Auch wenn wir Grüne uns gegen die private Verwendung von E-Fuels aussprechen, sehen wir dennoch bei speziellen Anforderungen im Transportwesen eine Verwendung dafür, z.B. bei Flugzeugen, industriellen Hochleistungsmaschinen und Schwertransportern. Wir unterstützen daher den ehrgeizigen Ansatz von Bayernoil, sich aktiv auf die Transformation und Defossilisierung einzulassen und in Bayern die Standorte umzurüsten und Arbeitsplätze zu halten. Wenn das Unternehmen zum Vorreiter im Bereich Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft wird, könnte das eine wichtige Vorbildwirkung für viele andere Unternehmen zeigen. Denn wenn eine Raffinerie es schafft, sollten es auch fast alle schaffen können. Außerdem könnte BayH2 zu einem bedeutenden Meilenstein in der regionalen Wasserstoffversorgung werden, von dem aus weitere Projekte in ganz Bayern entstehen könnten. Als Wunsch wurde uns zum einen mitgegeben, dass wir uns für die IPCEI-Förderung einsetzen, weil an dieser ein wichtiger Teil der Finanzierung hängt. Zum anderen steht und fällt alles mit der Verfügbarkeit von grünem Strom und damit am Ausbau der Erneuerbaren Energien. Wir werden uns auf allen Ebenen dafür stark machen, bürokratischen Hürden abzubauen und die Genehmigungsphasen zu verkürzen, um hier so schnell wie möglich voranzukommen. Und ja, dazu gehört natürlich auch die schnellstmögliche Abschaffung von 10H! Außerdem müssen wir die Wasserstoffstrategie im Bund und im Freistaat voranbringen und auch die Rolle der Biogenen Wasserstofferzeugung miteinbeziehen, da diese bisher noch nicht anerkannt ist. Für die Kreislaufwirtschaft ist es wichtig, die rechtlichen Bestimmungen nochmal zu überarbeiten, damit Recyclingprozesse auch wirtschaftlich möglich sind. Zuletzt ist die Weiterentwicklung von technischen Möglichkeiten zur Stromspeicherung essenziell für die klimaneutrale Wirtschaft. Wir sehen also, dass es eine Menge zu tun gibt. Es wird Zeit, dass in Bayern die Staatsregierung endlich ambitioniert in die Zukunft des Standorts Bayern investiert und entsprechende Programme und Initiativen auf den Weg bringt.

Zuletzt möchte ich mich ganz herzlich bei Maria Krieger bedanken, die den Besuch organisiert und mich dazu eingeladen hat.

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