Besuch bei „Mit Ecken und Kanten“

Anfang Juni waren Stephanie Schuhknecht und ich beim Unternehmen „Mit Ecken und Kanten“ zu Besuch. Das Unternehmen wurde 2017 von Jessica Könnecke mit dem Ziel gegründet, nachhaltig produzierten Waren, die aus welchen Gründen auch immer nicht mehr verkauft werden, eine zweite Chance zu geben und in einem eigenen Shop zu reduzierten Preisen zu verkaufen. Angefangen hat sie mit Kleidung, da hier nach Ende einer Kollektion Restbestände oft ausgemustert werden oder einzelne Artikel aufgrund kleinerer Mängel oder Schönheitsfehler vernichtet werden. Um dagegen etwas zu tun, hat sie Partnerschaften mit Unternehmen aufgebaut, von denen sie solche Artikel bekommt und weitervertreibt. Inzwischen werden auch viele andere Waren über den Online-Shop verkauft: Von Kosmetik über Einrichtungsartikel bis hin zu Lebensmitteln. Diese Geschäftsidee hat viel Anklang gefunden, sodass heute insgesamt 14 Beschäftigte den Versandhandel am Laufen halten.

Bemerkenswert ist, dass es für die Gründung keinerlei Unterstützung gab, weder finanziell noch in Bezug auf Beratung. Das liegt auch daran, dass es in Bayern leider kein Gründerzentrum gibt, dass sich schwerpunktmäßig auf nachhaltige Startups spezialisiert, anders als zum Beispiel in Berlin, wo es ein Zentrum für Kreislaufwirtschaft gibt. Der Aufbau eines Unternehmens ohne jegliche Hilfe ist enorm schwierig. Daher nehmen wir solche Erfahrungen und Anregungen auch mit auf, um sie in unsere Grüne Startup-Strategie einfließen zu lassen, mit der wir Gründer*innen besser unterstützen möchten.

Aber auch die Wachstumsphase bringt viele Herausforderungen. Mitarbeiter*innen müssen eingestellt werden, Umzüge in größere Räumlichkeiten müssen geplant werden und viele Teilbereiche müssen professionalisiert werden, damit auch alles reibungslos verläuft. Dies führt zu großen individuellen Belastungen, weshalb es wichtig ist, gerade in dieser Phase auch die Aufgaben breiter zu verteilen. Jessica Könnecke hat sich deshalb Christian Shuster an Bord geholt, mit dem sie heute gemeinsam das Unternehmen führt. Inzwischen ist aus dem Startup eine GmbH geworden und verschickt durchschnittlich über 10.700 Produkte pro Monat, welche alternativ nicht verwendet bzw. weggeschmissen würden

Das Unternehmen versucht nicht nur, Waren vor der Vernichtung zu retten, es stellt auch an sich und seine Partnerfirmen hohe Ansprüche. Alle Artikel müssen nachhaltig produziert werden. Das heißt, es müssen nicht nur ökologische, sondern auch soziale und arbeitsrechtliche Standards bei der Herstellung und in der Lieferkette eingehalten werden. Das bedeutet aber auch, dass natürlich der eigene Versandhandel auch danach ausgerichtet werden muss. Konkret bedeutet das: keine kostenlosen Rücksendungen, Wiederverkauf von Rücksendungen, Wiederverwendung von Kartons etc. Diese Sorgfalt und Prinzipientreue kommt vor allem bei Frauen zwischen 20 und 35 Jahren gut an, die den Großteil der Kund*innen ausmachen. Hier gibt es gesellschaftlich offensichtlich noch einiges zu tun, denn Nachhaltigkeit ist keine reine Frauensache.

Auch im eigenen Team bleibt man den Ansprüchen treu. Der Grundsatz, dass Geld nicht zulasten von Mensch und Umwelt verdient werden soll, bedeutet in dieser Hinsicht, dass nicht nur die Zufriedenheit der Kund*innen eine Rolle spielt, sondern auch das eigene und das Wohlbefinden der Mitarbeiter*innen. Daher wird ganz aktiv ein Team Spirit gepflegt, indem man sich regelmäßig zusammensetzt, zusammen kocht oder auch mal gemeinsam etwas unternimmt. Durch diesen intensiven persönlichen Austausch wird nicht nur die Teamarbeit gestärkt, sondern auch sichergestellt, dass alle mit Freude und Motivation mitarbeiten und niemand sich übernimmt. Mich persönlich freut es immer, wenn ich so viel Wertschätzung und Engagement für das Wohlbefinden der Menschen in einem Unternehmen sehe.

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